Im Rahmen dieses literaturwissenschaftlichen Kolloquiums werden derzeit laufende Arbeiten und Forschungsvorhaben vorgestellt sowie nach Vereinbarung ausgewählte Themenschwerpunkte behandelt, wobei die Form des Kompaktseminars es erlauben soll, Problemfelder vertieft und ausführlich ohne die von anderen Veranstaltungstypen her bekannte Zeitbegrenzung zu diskutieren. Studierende der verschiedenen romanischen Fächer (Hauptstudium) erhalten durch die vertiefte Diskussion von Dissertations- und Habilitationsprojekten Einblick in aktuelle Problemhorizonte der Romanistik.

Der Veranstaltungsplan für das Wintersemester ist bei mir erhältlich und wird zu Semesterbeginn zusätzlich durch (elektronischen) Aushang bekanntgegeben. Im Coronavirussemester werden elektronische Übertragungsmedien eingesetzt.

Honoré de Balzac hat mit seinem Romanzyklus der Comédie humaine - angelehnt an die Commedia Dante Alighieris und epistemologisch fundiert in den naturgeschichtlichen wie naturwissenschaftlichen Forschungen seiner Zeit - ein gesellschaftliches Fresko geschaffen, das uns wie kein anderes Romanwerk die Gründe wie die Abgründe des Lebens (in) der Gesellschaft des zeitgenössischen Frankreich nahebringt. In Werken wie Le Père Goriot, La Peau de chagrin, Eugénie Grandet, Histoire des Treize, Les Chouans oder Sarrasine hat er Detailstudien angelegt, die uns einerseits wie in einem Laboratorium mit den entscheidenden Ingredienzien dieses gesellschaftlichen Lebens konfrontieren und andererseits die narratologisch wie semiologisch erforschbaren Grundlagen des französischen wie europäischen Romans im 19. Jahrhundert vor Augen führen. Dieser »Klassiker des französischen Romans« (wie Hugo Friedrich ihn einst nannte) soll geschichtlich wie literarhistorisch einem close reading unterzogen werden.

Jetzt wird es doppelt spannend! Der zweite Teil unserer Vorlesung zum Themenkreis Moderne / Postmoderne behandelt die Entwicklung der Literaturen der Welt ab dem Ausgang der historischen Avantgarden mit Jorge Luis Borges bis zu den Literaturen nach der Postmoderne zu Beginn unseres Jahrhunderts und bis in die absolute Gegenwartsliteratur hinein. Sie umfasst damit einen historischen Zeit-Raum, der im zweiten Teil dieser Vorlesung ein Dreivierteljahrhundert einschließt sowie zugleich eine territorialisierbare Raum-Zeit, welche eine ungeheure Mannigfaltigkeit an literarischen Entwicklungen nicht allein in den romanischen Literaturen Europas, sondern auch weiter Gebiete der aussereuropäischen Welt miteinschließt. Im Vordergrund stehen die Romanischen Literaturen der Welt (mit einem gewissen Schwerpunkt auf den französisch- und spanischsprachigen Literaturen). Die Studierenden sollen einen Überblick weit über die Untersuchung einzelner Nationalliteraturen hinaus und Einblicke in das aktuelle Literatursystem erhalten. Ein Besuch des ersten Teiles der Vorlesung ist nicht notwendig und keine Voraussetzung für den Besuch dieser Vorlesung!

In diesem Seminar wollen wir uns nicht der Literatur, sondern den Literaturen Lateinamerikas annähern und sie als ein Kaleidoskop begreifen, das sich in ständiger Bewegung befindet. Die spanischsprachigen Literaturen des gesamten Subkontinents gehören ohne jeden Zweifel zu den produktivsten und kreativsten Literaturen der Welt und machen zugleich aus ihrer Verschiedenartigkeit keinen Hehl. Die Wüstengebiete oder Küstenbereiche Mexikos oder Mittelamerikas, die INselwelten der Karibik, die andinen Gebirgsregionen, Amazonastiefländer oder weiten Weideflächen in Bolivien, Brasilien oder Argentinien verbinden sich mit der Vielfalt der schwarzen Kulturen insbesondere in den tropischen Anbaugebieten, den unterschiedlichen indigenen Kulturen, mit Einwanderern aus China oder Indien, aus Japan oder bestimmten Regionen Europas. Transkulturelle Fragestellungen herrschen vor. Die Studierenden können sich auf (selbstgewählte) Beispiele aus einzelnen Literaturregionen spezialisieren oder auch ganz einfach die Vielgestaltigkeit unterschiedlichster Literaturen analysieren (und genießen). Ziel ist es, einen grenzüberschreitenden Überblick über die kulturelle wie literarische Vielfalt und zugleich die Vielverbundenheit des lateinamerikanischen Archipels zu gewinnen.