Inhalt und Perspektivierung:
Angesichts komplexer Krisen, in denen rechtskonservative und geschichtsrevisionistische Kräfte eine erinnerungspolitische „Wende um 180 Grad” fordern (Wagner 2022), wächst der Bedarf an Demokratiebildung, die eine plurale Erinnerungskultur stärkt (vgl. Ebermann/Mense/Thamer 2025). Der Begriff »Erinnerungskultur« bezeichnet im politischen Diskurs meist den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, wird wissenschaftlich jedoch weiter als bewusste kollektive Erinnerung an historische Ereignisse gefasst (vgl. Berek 2023). In sozialphänomenologischer Tradition gilt sie als Teil kollektiven Wissens und umfasst Institutionen, öffentliche Debatten und Narrative, durch die Vergangenheit repräsentiert, Sinn gestiftet und gesellschaftliche Ordnung legitimiert wird.
Ziel des Seminars ist, die Förderung und Entwicklung von kunstpädagogischen Gelingensbedingungen zur Etablierung einer forschenden kunstpädagogischen sowie künstlerischen Praxis im Lehramt für Kunst an der Uni Potsdam, die sich explizit dem Themengebiet „Erinnerungskultur, Antisemitismus, Jüdisches Leben und Demokratiebildung” annimmt.
Zur Besonderheit und Notwendigkeit dieses Forschungsfeldes
Im Projekt UnSeen setzten sich Studierende (bereits seit SoSe 2024) im Modus des „Nochnichtwissens” künstlerisch mit historischen Orten rassistischer und antisemitischer Morde/des NS-Verbrechens in Sachsen und Brandenburg auseinander. Es sind studentische Forschungsarbeiten von Kunst aus entstanden, die durch politisch-/historisch-bildnerische Workshops begleitet werden, in denen Artistic Research als Methode erprobt wird. Ab SoSe 2026 wird das Format für Lehramtsstudierende und Lehrkräfte explizit erweitert, in Potsdam praktisch umgesetzt und wissenschaftlich reflektiert, mit dem Ziel einer Publikation im Bereich Erinnerungskultur und transformativer Kunstpädagogik.
Umsetzung des Projektes SoSe 2026
»UnSeen« ist ein langfristig ausgerichtetes Ausstellungs-, Seminar-, Workshop- und Buchprojekt. Mit dem Projekt wird eine plurale Erinnerungskultur verfolgt und untersucht, wie künstlerische Forschung zur ästhetischen Bildung und historischen Reflexion beitragen, das Unsichtbare sichtbar machen und neue Perspektiven auf Täterschaft, Erinnerung und Gegenwart eröffnen kann.
Im Fokus der Unterrichtswerkstätten steht die Ausstellung »UnSeen« und der Text von Ruth Klüger "weiter leben. eine jugend"
»weiter leben« ist kein Holocaust-Buch, das ein weiteres Mal das Grauen der KZs vor Augen bringt. Hier wird nicht das brutale Detail geschildert, sondern es werden die Auswirkungen des Erlebten auf die Entwicklung eines Menschen beschrieben und reflektiert. Erinnerung und Bewältigung zweifacher Rechtlosigkeit - als Jüdin und als Frau - sind zentrale Anliegen dieses Buches.
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Ruth Klüger (1931-2020) war von 1966 bis 1992 Professorin für Deutsche Philologie an verschiedenen amerikanischen Universitäten, zuletzt an der University of California / Irvine. Von 1978 bis 1986 war sie Herausgeberin der Zeitschrift »The German Quarterly«, von 1980 bis 1985 Vizepräsidentin der Internationalen Vereinigung der Germanisten (IVG). Sie war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Mit ihrer in mehrere Sprachen übersetzten Autobiographie »weiter leben« (1992) wurde sie einem breiten Publikum im In- und Ausland bekannt.
Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter: Roswitha-Preis (2006), Lessing-Preis des Freistaates Sachsen (2007),Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008), Ehrendoktorwürde der Universität Wien (2015), Bayerischer Buchpreis - Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten (2016).
- Kursleiter*in: Dr. Antje Winkler
