Der 1977 in Halle/Saale geborene Clemens Meyer ist kein Vielschreiber, sondern ein skrupulöser Gegenwartsautor, der sich viel Zeit für seine ästhetisch avancierten Texte lässt. Deren Protagonisten kommen meist aus der sogenannten Unterschicht, sind etwa kleinkriminelle Jugendliche oder Prostituierte, und sie leben in politischen Umbruchszeiten, in denen der Kampf ums Überleben im prekären Milieu ihre Träume zu ersticken droht – vor allem die Wende- und Nachwende-Zeit in Ostdeutschland sind wiederkehrende Themen der frühen Texte. In jüngerer Zeit weitet Meyer die historische Perspektive auf die Geschichte der Balkanstaaten im 20. Jahrhundert aus. Der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig geschulte Autor bedient sich dabei anspruchsvoller Erzähltechniken, seine Erzählfiguren sind oftmals unzuverlässig, er verwebt Erinnerungen und Imaginationen, Zeit- und Handlungsebenen; inhaltlich wie formal sind zudem Kino/Filmgeschichte und filmische/intermediale Verfahren von zentraler Bedeutung.

Wir wollen uns diesem Autor über eine Auswahl seiner literarischen Texte und poetologischen Schriften nähern und dabei exemplarisch auch Seitenblicke auf Mechanismen und Institutionen des aktuellen Literaturbetriebs werfen – Meyer gilt nicht erst seit seinem öffentlichen Wutausbruch über den nicht erhaltenen Buchpreis 2024 als enfant terrible der deutschen Gegenwartsliteratur,  stellt sich dezidiert in die Tradition ostdeutscher Intellektueller und verweist immer wieder auf die prekäre Situation freischaffender Autor:innen.

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