Allgemeines zum Seminar:
Minnesang – das ist mehr als das Besingen unerreichbarer Damen. Mittelalterliche Liebeslyrik ist überaus vielfältig und kennt zahlreiche verschiedenartige Register der Minne: Neben unerfüllter Liebe aus einer männlichen Perspektive wird durchaus auch von wechselseitiger Sehnsucht und inniger Zweisamkeit gesungen, in der Tageliedminne sogar die Erfüllung der Sehnsucht, zuweilen profan anmutend, thematisiert. Die Variationsmöglichkeiten der Liebeskonzepte können ausdifferenzierten Subgattungen (unter anderem sind das Frauenlieder, Tagelieder, Kreuzlieder, Botenlieder, Sommer- und Winterlieder) zugeordnet werden, die im Seminar eingehend behandelt werden sollen. Dabei soll ein besonderer Fokus auf textimmanente Reflexionen über das Wesen der Liebe sowie geschlechterspezifische Äußerungen des Begehrens gerichtet werden. Neben diesen (sub)gattungsspezifischen Schwerpunkten sollen übergreifende Analysekategorien (unter anderem pragmatische und mediale Dimensionen, Autorschaft und Intertextualität) vermittelt und angewandt werden.
Aufbau des Seminars:
Nach einigen Sitzungen zur sogenannten ‚Hohen Minne‘ werden wir uns in jeder Sitzung je einer Subgattung widmen und die angewandten Minnekonzepte sowie deren dichterische Verarbeitung diskutieren. Im Anschluss folgt je eine Sitzung zur musikalischen und modernen literarischen Rezeption mittelalterlicher Lyrik: Hier sollen historisierende wie moderne Vertonungen erschlossen werden, ebenso jüngere literarische Herangehensweisen an den Minnesang, die sich manchmal als neuzeitliche Übertragungen verstehen, manchmal aber auch als Parodien. Ein Reader, der einen Forschungsbeitrag und thematisch ausgewählte Lieder umfasst, wird für jede Einheit in Moodle bereitgestellt.
Minnesang digital:
Bei der Überlieferung des Minnesangs ist eine große Varianz beobachtbar: Die Texte sowie ihre Strophenabfolge unterscheiden sich je nach Handschrift teils erheblich, sodass die modern edierten, neu aufbereiteten Lieder, die Sie in ihren studentischen Lesebüchern präsentiert bekommen, notwendigerweise von zahlreichen Entscheidungen der HerausgeberInnen geprägt sind. Das kann den Eindruck einer falschen Eindeutigkeit und Festigkeit erwecken, dem im Seminar mit der intensiven Arbeit mit der digitalen Edition ‚Lyrik des deutschen Mittelalters‘ (LDM) begegnet werden soll. In diesem Projekt wird mittelalterliche Lyrik handschriftennah und synoptisch ediert (d.h. die verschiedenen Textzeugen für Lieder/Strophen werden parallel aufbereitet und können angezeigt werden), ebenso sind den Liedern Digitalisate der Handschriften beigefügt. Die Seminarleistung besteht daher in der Präsentation der LDM-Edition eines Lieds aus dem Reader für die jeweilige Sitzung (Blick in die Handschrift, Auseinandersetzung mit der Strophensynopse, Vergleich mit der vorliegenden Edition, eigene Interpretation des Lieds).
- Kursleiter*in: Daniela Vukadin
