Die bedrückenden aktuellen Ereignisse in der Ukraine zeigen einmal mehr die Notwendigkeit der Beschäftigung mit historischen Dimensionen von Krieg. In der Lehrveranstaltung wird auf der Basis von Quellen aus dem 17. Jahrhundert diskutiert, wie Menschen europaweit ihre Erfahrungen von kriegsbedingter Gewalt und Grausamkeit wahrnahmen, deuteten und in schriftlicher Form verarbeiteten. Wie prägen die traumatisierenden Erlebnisse des Krieges ihre Selbstwahrnehmung als Einzelperson und als Teil einer größeren Gruppe? Welche Rolle spielten bei der Verarbeitung solcher Kriegserfahrungen kulturbedingte Deutungsmuster und Stereotype, etwa religiöse Vorprägungen? Aus dem 17. Jahrhundert sind eine Fülle von Selbstzeugnissen, wie z. B. Tagebücher, Memoiren, Familienchroniken, Briefe usw. überliefert. Während des Seminars werden Texte von Zivilisten und einfachen Soldaten, also „kleinen Leuten“, die die Schrecken des Krieges unmittelbar erlebt hatten, behandelt. Eine besondere Aufmerksamkeit wird auch den Kriegserfahrungen der besonders gefährdeten Personen, wie Frauen, Kindern, Kriegsgefangenen oder Angehörigen der ethnischen und religiösen Minderheiten gegeben.
Während des Kurses erwerben die Student*innen grundlegende Kenntnisse über die wichtigsten militärischen Konflikte der europäischen Geschichte des 17. Jahrhunderts, erlernen aber vor allem die Fähigkeit, mit frühneuzeitlichen Selbstzeugnissen zu arbeiten. Vorgesehen sind Kurzreferate (max. fünfzehn Minuten) und gemeinsame Quellenlektüre von ausgewählten Selbstzeugnissen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der englischen Bürgerkriege, des Großen Türkenkrieges auf dem Balkan sowie des Chmelnyzkyj-Aufstandes in der Ukraine. Drei von sechs für die Studentenarbeit ausgewählten Quellen sind im deutschen Original des 17. Jahrhunderts, zwei andere in modernen deutschen Übersetzungen sowie eine in einem englischen Original zugänglich. Für den Erwerb der Leistungspunkte wird eine Hausarbeit anzufertigen sein.
- Kursleiter*in: Dr. Oleg Rusakovskiy
